Wie ich das Vertrauen in die Liebe wiederfand

Wie ich das Vertrauen in die Liebe wiederfand

Ich war 15, als ich ihn kennenlernte. Wir sahen uns zweimal, dann waren wir ein Paar. Was anfangs als Interesse und Schwärmerei begonnen hatte, verwandelte sich im Laufe der Monate in ein richtiges Verliebt Sein. Und im Laufe der Jahre in echte Liebe. Wir verbrachten Tag und Nacht gemeinsam, gingen durch Höhen und Tiefen. Sieben Jahre lang. Wir hatten einen gemeinsamen Traum von unserer Zukunft: Ein Haus auf dem Baugrund meiner Eltern sollte es sein, drei Kinder und für mich ein Job als Lehrerin. Auch er wollte beruflich weiterkommen, bildete sich fort, wechselte den Job. Der Plan vom Haus war gezeichnet, der Sparplan niedergeschrieben. Vor meinem inneren Auge kann ich unser Haus heute immer noch sehen, so fest war der Plan in meinem Herzen. Heute gibt es dieses Haus nicht und auch dieses Leben nicht.

Vom schmerzhaften Ende einer Beziehung

Was passiert war? Nichts war passiert. Eines Tages, kurz vor unserem 7. Jahrestag, wurde mir klar, dass ich mich verändert hatte. Dass meine Liebe zu ihm nicht mehr groß genug war. Dass ich mehr vom Leben wollte als ein Haus auf dem Land und drei Kinder. Einige Wochen später trennten wir uns. Was sich hier so einfach schreibt, war für uns beide die Hölle auf Erden. Ihm zog es genauso den Boden unter den Füßen weg, wie mir. Wie konnte das sein? Wieso war für mich etwas, das wir beide so sehr wollten, plötzlich nicht mehr richtig? Er machte mir Vorwürfe. Ich würde sein Leben zerstören, ich sollte bei ihm bleiben, weil er ohne mich nicht sein wollte. Ich machte mir Vorwürfe, fühlte mich verantwortlich dafür, dass er wieder auf die Beine kam. Ich verstand mich selbst nicht, doch meine Entscheidung war klar. Und blieb es.

Nach vielen Monaten war die Trennung endlich durch und wir sahen uns nicht mehr. Ich fing an, zu leben. Die neu gewonnene Freiheit setzte in mir ungeahnte Energien frei – eine Lebensfreude, die ich lange nicht mehr gespürt hatte. Erst jetzt verstand ich, warum es für mich nicht hätte weitergehen können. Was ich eigentlich wollte. Ich wollte hinaus in die Welt, ich wollte nicht stillstehen. Ich wollte Erfahrungen sammeln, ausprobieren, kennenlernen, Freude und Schmerzen empfinden, meinen Horizont erweitern.

Für mich begann eine wahnsinnig intensive und aufregende Lebensphase. Ich unternahm viel mit Freunden, fand neue Freunde, lernte mich selbst von einer neuen Seite kennen. Nur ein Gefühl wurde ich nicht mehr los: Die Unsicherheit in Bezug auf mich selbst, auf meine Beziehung zu Männern. Wenn ich jemanden kennenlernte, machte ich immer vorab klar, dass alles ganz unverbindlich sein müsste. Sobald – und das passierte meist nach ein paar Tagen – ich feststellte, dass von seiner Seite aus Gefühle im Spiel waren, war ich über alle Berge.

Denn ich wollte nie, nie wieder in die Situation kommen, jemandem, den ich liebte, so weh zu tun. Zusehen zu müssen, wie er sich quälte, meinetwegen. Mir Vorwürfe machen, Vorwürfe gemacht bekommen. Mein kindliches Vertrauen in meine Gefühle und in die Liebe war weg. Wie könnte ich je wieder jemanden lieben, ohne Gefahr zu laufen, dass ich mich am nächsten Tag umentscheiden würde? Wie konnte ich mich auf etwas einlassen, jemandem vertrauen, wenn ich mir selbst nicht vertrauen konnte?

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Vom schmerzhaften Anfang einer Beziehung

Und dann kam mein Mann. Er war der Mitbewohner meiner besten Freundin, darum sah ich ihn häufig. Irgendwann fiel mir auf, wie ich seine Gegenwart genoss. Und irgendwann musste ich mir eingestehen: Ich war verliebt. Drei Monate bevor ich fürs Studium ein Jahr nach Nordengland gehen wollte, stellte sich heraus, dass es ihm genauso ging. Das war etwa zwei Jahre nach der Trennung. Für mich war es viel zu früh. Mit meinem Ex waren so viele Dinge ungeklärt, ich hatte so viele Dinge nicht verarbeitet. Doch zum ersten Mal lief ich nicht davon, ich blieb, trotz meiner Unsicherheit, obwohl meine inneren Alarmglocken schrillten. Denn obwohl ich mir immer wieder von ihm versichern ließ, dass alles ganz unverbindlich sei, spürte ich natürlich, wie sich zwischen uns etwas entwickelte. Von beiden Seiten. Er kannte eine Geschichte und wenn ich ihm sagte, dass ich vielleicht übermorgen wieder weg sein könnte, sah er das ganz nüchtern: Das könne in einer Beziehung immer passieren, zu jeder Zeit. Das müsse jedem bewusst sein, der eine eingeht. Denn einen Anspruch auf einen anderen Menschen hätte niemand, es passe eben nur solange, wie es passe.

Das beruhigte mich. Vorübergehend. Dann verließ ich Deutschland. Sechs Wochen später besuchte er mich zum ersten Mal in England. Obwohl ich mich so sehr freute, ihn zu sehen, war diesmal die Stimme in mir stärker. Die Zweifel. Die Unsicherheit. „Am besten, du beendest das gleich! Wer für dich bis nach England fliegt, der erwartet doch von dir, dass du bei ihm bleibst. Das, was er sich vorstellt, kannst du ihm niemals garantieren. Am Ende steht er auch mit einem gebrochenen Herzen da. Lass ihn lieber gehen, du hast ihn nicht verdient!“

So kreisten meine Gedanken, die ganze Woche, die er bei mir war. Und am Ende, kurz bevor er den Weg nach Hause antrat, brach es aus mir heraus. Ich weinte und versuchte ihm klar zu machen, dass er nicht wiederkommen solle. Dass es besser für uns beide sei und dass er jemanden finden würde, der gut genug für ihn wäre. Ich brachte ihn zum Bus. Er stieg ein, schweigend. Während der Bus losfuhr, folgten unsere Blicke einander noch eine Weile. Dann war er weg. Weg aus meinem Leben. Ich fuhr nach Hause, ging in mein Wohnheim-Zimmer und brach zusammen. Drei Tage verließ ich das Zimmer kaum, weinte fast ununterbrochen, manchmal schlief ich vor Erschöpfung ein. Ich aß nichts. Manchmal versuchten Mitbewohnerinnen an mich heranzukommen, einmal eine Freundin, die sie gerufen hatten. Ich wollte mit niemandem sprechen. Ich glaube, nach außen wirkte ich apathisch. Innerlich hatte ich das Gefühl, gerade einen Teil von mir verloren zu haben. Doch ich war immer noch der festen Überzeugung, dass es so besser wäre. Für ihn. Und am Ende auch für mich. So würde ich nicht noch jemandem das Herz brechen.

Dann passierten zwei merkwürdige Dinge: Als ich nach einigen Tagen aufhörte zu weinen und mich an den Laptop setzte, hatte ich eine Nachricht des Mannes, der mich weggeschickt hatte:

„Ich akzeptiere nicht, dass du mich wegschickst. Nicht, weil ich dich zu etwas drängen möchte, sondern weil ich glaube, dass dir das nicht guttut. Wenn ich dich gehen lasse, wirst du an Männer geraten, die dir schaden. Du wirst dir schaden, immer und immer wieder. Deshalb möchte ich, dass du bei mir bleibst, denn davor will ich dich beschützen. Ich habe in vier Wochen neue Flüge gebucht und komme wieder zu dir.“

Ich war einfach nur baff. Wie konnte er so etwas tun, nachdem ich ihn so hatte abblitzen lassen? Ich wusste, wie hart er neben dem Studium für jeden Cent arbeiten ging. Anscheinend war er sich so sicher, dass wir zusammengehören, dass er nicht einmal fragt, bevor er bucht. Ich war nicht nur baff, sondern auch so unglaublich erleichtert. Obwohl er nun wusste, wie ich bin, wie ich sein kann, wollte er mich immer noch.

Zum zweiten kam ein Paket von meinem Großen Bruder aus Schweden, der von alledem keine Ahnung hatte. In dem Paket war die Buch-Trilogie von Don Miguel Ruiz „The Four Agreements“. Ein Buch, das ich Kapitel für Kapitel in mich aufsaugte und das mich grundlegend veränderte. Klingt unglaublich, aber ich glaube, diese Bücher bzw. mein Bruder, der sie genau zum richtigen Zeitpunkt geschickt hat, haben mir das Leben gerettet. Zumindest ein glückliches Leben.

Bis mein Mann wieder kam, hatte ich die meiste Zeit mit mir alleine und den Büchern verbracht. Ich war jetzt bereit, mich darauf einzulassen. Die Unsicherheit auszuhalten, der Sache eine Chance zu geben. Ich war auch bereit, Schritt für Schritt aufzuarbeiten, was damals passiert war. Zu sehen, dass nicht nur mein Ex etwas verloren hatte, sondern auch ich gelitten habe. Denn auch derjenige, der sich entscheidet, zu gehen, verliert eine Zukunft, eine Liebe. Ein Haus, das noch nicht gebaut war, einen Traum, den er einmal geträumt hat.

Wenn ich heute so reflektiert darüber sprechen kann, dann war das für mich ein sehr langer Weg, an dessen Ende eine glückliche Ehe und eine Familie mit einem kleinen Sohn steht. Ob ich mir Sorgen mache, dass ich eines Tages wieder gehen werde? Nein. Denn ich weiß, dass mein Mann dann mitgehen wird. Das hat er im Lauf der letzten 8 Jahre noch viele, viele Male bewiesen.