Liebesgedichte – Ode an eine Herbstnacht von Uwe Schmidt

Liebesgedichte – Ode an eine Herbstnacht von Uwe Schmidt

Wenn der Tag weicht, so geschäftig er ist, und doch schwer, so lustlos und beleibt, und mit der Sonne quälender Strahlen, den Schweiss den Rücken hinuntertreibt. Wenn dieser Tag dann endlich geht, dann kommt, wie schon Novalis erkannte, die göttliche Nacht, die uns jung macht und frisch, die mit leichtem Treiben die Sonne verbannte. Die Kühle lässt mir die Haut erwärmen, und Pilz und Kork treibt die Fantasie, manch Edelmann wird von der Bettlerin schwärmen, von dem faltigen Teint mit dem roten Tütü. Die Göttin der Nacht, Afkaloide, streicht leicht mit ihrem schwarzen Schleier Spiritus über die rot glühenden Nasen und Wangen, und die meisten träumenden Wandler heut Nacht, haben sich in dem Schleier verfangen. Sie, die verzaubernde, forschende, schmeichelnde, ist kichernd zu den Liebenden gegangen, sie haucht ihren Atem über sie, wenn im Rausch sie die Wollust erlangen. Es zuckt auf dem Lager, es dampft und stöhnt, Stakatto, Lust und glückselige Pein, wer so in die Höhen der Liebe sich ringt, den lässt Alkaloide nicht lange allein. Die schwarze Göttin kennt nur zwei Gestalten, denen sie zur Dämmerung ihren Nektar kann unterbreiten. Die erste ist der Narr, die Närrin, Alkaloide kann sie nicht lange halten, die, die nur gelegentlich mit Vorwitz, ihre Zeiten überschreiten. Sie naschen nur vom Rand und nehmen alsbald hier, bald dort, ein wenig von den Lastern fort, um dann erschrocken von der eigenen Courage, im schnellen Lauf ihr Lager aufsuchen, aus Angst vor der Blamage. Die andere Gestalt ist die der Nacht, die Abends erst erwacht, sie nascht nicht, sie taucht ein, sie nippt nicht an des Glases Rand, sie trinkt den schweren Wein. Wer die Weisheit erlangen will, muss bis zum Grunde der Narrheit schöpfen, die anderen wird man schon vorher köpfen. Ob’s nun die Obrigkeit oder der Sensemann, die Faden und Langweiler waren immer schon als erste dran. Seit dem Abendglockenschlag, hat die Gestalt der Nacht, sich für Alkaloide zurechtgemacht, sich vorbereitet auf der Göttin Advent und sie herbei gehofft. Da kommen die dunklen Schleier und umwehen des Mondes Licht. Es wird ein dämonisches Feiern, die einen sehen, die anderen nicht, und ein kühler Hauch weht durch das Loft. Die Lichter und Lampen das Glimmen beginnen und schaffen, hell nebliges Licht, das wie trübe Augen strahle, die sich widerspiegeln in den gefüllten Karaffen, an den glitzernden Wänden hier im Saale. Tumor ist wenn man trotzdem lacht, und wenn auch leiser, man seine Spässe macht, und geht hindurch, durch’s lange Tor, den Gang hinab, bald wie ins Grab, der Gang ist schwärzer als je zuvor, ich bin kein Narr, ich bin ein Thor! Der Flügelschlag der kleinen Säuger, huscht über meinen Kopf, rauscht seltsam mir im Ohr. Dann nur noch Stille, und schweigend schaue ich empor. Ich hab mich gefunden, in mir kocht, Frieden, Ruhe, mit mir Einigkeit, jetzt kann ich geben und bin auch bereit, mit dir Alkaloide zur Zweisamkeit. Das Sehen ist ein wenig nur, oh Königin der Nacht, dein Schmecken, dein Geruch, dein leises Atmen in mein Ohr, das ist der Puls der fröhlich macht. Dein Atem geht jetzt schwerer, als wenn der Wind leicht kräuselnd, durch die letzten Blätter rauscht, leis’ säuselnd, und hier und dort bricht auch ein Ast, ein kleines Tier läuft fort, der Winter kommt ganz ohne Hast. Ich liebe dich, an diesem nächtens so verrücktem Ort. Dann wieder Stille, absolut, als wären alle auf der Hut. Da! Ein kehliger Schrei! Es ist, als wenn die Pappel sich duckt, sich die Weide verbeugt, als wenn die Tanne zum Abschied salutiert und das Moos ganz leise und tragisch seufzt. Der Tag ! Ein Silberstreif am Horizont, den Tag besiegt sie nie. Verbitterung entmachteter Aristokratie. Wo schwindest du hin, du Königin der Nacht, wo ist des Mondes Lachen, bleib’ hier, du sollst doch über mich, über meine Träume wachen! Zwar ist noch hier und da ein wenig fröhliches Geschrei der Narren, doch bald kehrt dort auch Ruhe ein, wenn sie zwischen Gasbeton, auf ihren Morgen harren. Vielleicht ein wenig Wein ich bin allein. Und doch hab ich mein Fest mit ihr, Vermählung mit der Königin der Nacht, die mich die nächsten Stunden, sicher glücklich macht. In Ruhe und in Zärtlichkeit umschmeichelt ihre Kühle meine Haut, und hält mich doch so warm, und wenn mich friert, ich zittere, sie hat mit mir Erbar’m. Was hältst du unter deinem schwarzen Gewände, das mich so zitternd fröhlich macht, und doch mit Schwermut so gefangen hält? Ist es die Schattenweit der Nacht? Nein, flüstert sie, es ist die Welt Ein Rausch mit ihr, die Wollust, macht mir den Weg nach innen frei, und das Verlangen gibt den Träumen Flügel, sie sind echt, die am Tage jedes Mal die Sonne mir verwehrt, sind wahr, nicht Traum, und lächelnd schaut der Mond und nickt, und gibt mir recht. Es sind die Schemen, ist der leichte Nebel, der jetzt im Herbst den rechten Blick, in andere Welten gleiten lässt, und diese Not, dies alles klar zu sehen gibt mir die ruhige Nähe zu Gevatter Tod, zu meines Lebens Rest, und das macht mich so offen, lässt mich im freien Fall, lässt mich im Abwärtsstrudel hoffen. Oh lächelnder Mond, du zeigst mir das man lächelnd schwinden kann, du bist ganz blas, und fahl – werd’ mir nicht krank! Oh, ich vergass, du machst das jeden Tag. Flieh nicht mit meinen Träumen, du meine Königin, siehst du nicht wie verliebt ich bin? Willst du meine Küsse säumen? El Solei beisst sich durch die Nacht, Alkaloide aber flieht mir im Morgengrauen, und grell und bunt und viel zu laut, kehrt der Tag zurück mit den Narren. Ich kleide mich mit ihrem Tuch, und werde mit ihnen ziehen, ich schütte Gerüche über mich, kann so getarnt zwischen ihnen entfliehen. Und an einem Tag, den ich selbst ersann, da wart’ ich voll Ungeduld, bis diese schreckliche Sonne vergeht, denn der Abend bringt erneut deine Huld. Und so warte ich jeden Tag auf die Nacht, um in deine Arme zu fliehen, und ich spüre schon, es ist bald soweit, dann sag ich den Narren auf Wiedersehen. Dann nimmst du mich in deinen dunklen Arm, dann werde ich mit dir gehen. Und wer weiss, in ein paar Jahren, bald, in deinem dunklen, nächtlichen Reich, kann die Liebe nicht mehr entfliehen, wie ich aus deinem dunklen Wald. Hamburg, 23.10.2003