Liebesgedichte – Gestörtes Küssen von Sidonie Grünwald-Zerkowitz

Liebesgedichte – Gestörtes Küssen von Sidonie Grünwald-Zerkowitz

Wenn mich die Sehnsucht zu Dir trägt,
Dann fühl’ ich nur: ich möcht sie stillen!
Ob’s auch erlaubt? mein Herz nicht frägt,
Es läßt der Sehnsucht ihren Willen …

Und wie die Wolke, glutenschwer,
In der es zuckt und dumpf gewittert,
Zur zweiten in der Lüfte Meer
In mächt’gem Drang hinüberzittert:

So drängt mein Alles hin zu Dir,
In Eins mit Dir mich zu verschlingen!
So angstvoll und so wohl wird mir …
Mit Küssen möcht’ ich Dich durchdringen!

Und wenn sich dann ein Zufall stemmt,
Ein arger gegen solche Stunde,
Den Kuß, der auf dem Weg’ schon, hemmt,
Der blitzgleich führ’ von Mund zu Munde:

Scheid’ ich von Dir verdüstert nicht!
Nein, wie die Wolke, die verscheuchten
Der Windsbraut Flügel, forteilt licht
Nach kurzem, glühndem Wetterleuchten! …

Nicht trag’ im Herzen ich Verdruß
Drob, daß der Zufall Dich entrissen
Vom Mund mir, eh’ der Liebe Kuß
Ich süß gekonnt zu Ende küssen!

Mir ist, als segne mein Gemüt,
Der Schuld entronnen, Zufalls Unhuld …
Trag’ Sehnsucht heim, die weiter glüht
Und Seligkeit der … der … der – Unschuld!