Liebesgedichte – Dritte Ode von Johann Wolfgang von Goethe

Sei gefühllos! Ein leichtbewegtes Herz Ist ein elend Gut Auf der wankenden Erde.

Behrisch, des Frühlings Lächeln Erheitre deine Stirne nie; Nie trübt sie dann mit Verdruß Des Winters stürmischer Ernst.

Lehne dich nie an des Mädchens Sorgenverwiegende Brust, Nie auf des Freundes Elendtragenden Arm.

Schon versammelt Von seiner Klippenwarte Der Neid auf dich Den ganzen, luchsgleichen Blick,

Dehnt die Klauen, Stürzt und schlägt Hinterlistig sie Dir in die Schultern.

Stark sind die magern Arme Wie Pantherarme, Er schüttelt dich Und reißt dich los.

Tod ist Trennung, Dreifacher Tod Trennung ohne Hoffnung Wiederzusehn.

Gerne verließest du Dieses gehaßte Land, Hielte dich nicht Freundschaft Mit Blumenfesseln an mir.

Zerreiß sie! Ich klage nicht. Kein edler Freund Hält den Mitgefangnen, Der fliehn kann, zurück.

Der Gedanke Von des Freundes Freiheit Ist ihm Freiheit Im Kerker.

Du gehst, ich bleibe.

Aber schon drehen Des letzten Jahrs Flügelspeichel Sich um die rauchende Achse.

Ich zähle die Schläge Des donnernden Rads, Segne den letzten, Da springen die Riegel, frei bin ich wie du.