Gedichte & Werke von Eduard Mörike 1804 – 1875

Gedichte & Werke von Eduard Mörike 1804 – 1875

* der Autor Eduard Mörike geb. am 8.September 1804 in Ludwigsburg, er besuchte die Lateinschule und ab 1818 das Seminar in Urach, 1826 begann er eine Tätigkeit als Vikar in Nürtingen, 1827/1828 arbeitete er als Redakteur bei einer Zeitschrift, 1834-1843 war er Pfarrer in Cleversulzbach, er wurde vorzeitig pensioniert, war dann u.a. Lehrer in Stuttgart, 1855 Hofrat und erhielt 1856 eine Professur, ab 1871 lebte er wieder in Stuttgart, Mörike starb am 4.Juni.1875 in Stuttgart.

Zitate

“Kein Wunder gibt es, keine Allmacht, um Geschehenes ungeschehen zu machen.”

“Man muss immer etwas haben, worauf man sich freut.”

“Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein.”

Gedicht Auf ein Ei geschrieben von Eduard Mörike

Ostern ist zwar schon vorbei,
Also dies kein Osterei;
Doch wer sagt, es sei kein Segen,
Wenn im Mai die Hasen legen?
Aus der Pfanne, aus dem Schmalz
Schmeckt ein Eilein jedenfalls,
Und kurzum, mich tät’s gaudieren,
Dir dies Ei zu präsentieren,
Und zugleich tät es mich kitzeln,
Dir ein Rätsel drauf zu kritzeln.

Die Sophisten und die Pfaffen
Stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen,
Wohl die Henne? wohl das Ei?

Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward ein Ei erdacht:
Doch weil noch kein Huhn gewesen,
Schatz, so hat’s der Has gebracht.

Gedicht Im Frühling von von Eduard Mörike

Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel:
Die Wolke wird mein Flügel,
Ein Vogel fliegt mir voraus.
Ach, sag mir, all-einzige Liebe,
Wo du bleibst, daß ich bei dir bliebe!
Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.

Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen,
Sehnend,
Sich dehnend
In Lieben und Hoffen.
Frühling, was bist du gewillt?
Wann werd ich gestillt?

Die Wolke seh ich wandeln und den Fluß,
Es dringt der Sonne goldner Kuß
Mir tief ins Geblüt hinein;
Die Augen, wunderbar berauschet,
Tun, als schliefen sie ein,
Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.

Ich denke dies und denke das,
Ich sehne mich, und weiß nicht recht, nach was;
Halb ist es Lust, halb ist es Klage;
Mein Herz, o sage,
Was webst du für Erinnerung
In golden grüner Zweige Dämmerung?
-Alte unnennbare Tage!

Gedicht Erinnerung von von Eduard Mörike

An C. N.

Jenes war zum letztenmale,
Dass ich mit dir ging, o Claerchen!
Ja, das war das letztemal,
Dass wir uns wie Kinder freuten.

Als wir eines Tages eilig
Durch die breiten, sonnenhellen,
Regnerischen Strassen, unter
Einem Schirm geborgen, liefen;
Beide heimlich eingeschlossen
Wie in einem Feenstuebchen,
Endlich einmal Arm in Arme!

Wenig wagten wir zu reden,
Denn das Herz schlug zu gewaltig,
Beide merkten wir es schweigend,
Und ein jedes schob im stillen
Des Gesichtes gluehnde Roete
Auf den Widerschein des Schirmes.
Ach, ein Engel warst du da!
Wie du auf den Boden immer
Blicktest, und die blonden Locken
Um den hellen Nacken fielen.

“Jetzt ist wohl ein Regenbogen
Hinter uns am Himmel”, sagt ich,
“Und die Wachtel dort im Fenster,
Deucht mir, schlaegt noch eins so froh!”

Und im Weitergehen dacht ich
Unsrer ersten Jugendspiele,
Dachte an dein heimatliches
Dorf und seine tausend Freuden.
– “Weisst du auch noch”, frug ich dich,
“Nachbar Buettnermeisters Hoefchen,
Wo die grossen Kufen lagen,
Drin wir sonntags nach Mittag uns
Immer haeuslich niederliessen,
Plauderten, Geschichten lasen,
Waehrend drueben in der Kirche
Kinderlehre war – (ich hoere
Heute noch den Ton der Orgel
Durch die Stille ringsumher):
Sage, lesen wir nicht einmal
Wieder wie zu jenen Zeiten
– Just nicht in der Kufe, mein ich –
Den beliebten Robinson?”

Und du laecheltest und bogest
Mit mir um die letzte Ecke.
Und ich bat dich um ein Roeschen,
Das du an der Brust getragen,
Und mit scheuen Augen schnelle
Reichtest du mirs hin im Gehen:
Zitternd hob ichs an die Lippen,
Kuesst es bruenstig zwei- und dreimal;
Niemand konnte dessen spotten,
Keine Seele hats gesehen,
Und du selber sahst es nicht.

An dem fremden Haus, wohin
Ich dich zu begleiten hatte,
Standen wir nun, weisst, ich drueckte
Dir die Hand und –

Dieses war zum letztenmale,
Dass ich mit dir ging, o Claerchen!
Ja, das war das letztemal,
Dass wir uns wie Kinder freuten.

Gedicht Leben und Tod von Eduard Mörike

Sucht das Leben wohl den Tod?
Oder sucht der Tod das Leben?
Können Morgenröte und das Abendrot
Sich auf halbem Weg die Hände geben?

Die stille Nacht tritt mitten ein,
Die sich der Liebenden erbarme!
Sie winkt: es flüstert: “Amen!” – Mein und dein!
Da fallen sie sich zitternd in die Arme.

Gedicht Ideale Wahrheit von Eduard Mörike

Gestern entschlief ich im Wald, da sah ich im Traume das kleine
Mädchen, mit dem ich als Kind immer am liebsten verkehrt.
Und sie zeigte mir hoch im Gipfel der Eiche den Kuckuck,
Wie ihn die Kindheit denkt, prächtig gefiedert und groß.
“Drum! dies ist der wahrhaftige Kuckuck!” – rief ich – “Wer sagte
Mir doch neulich, er sei klein nur, unscheinbar und grau?”

Der Kuckuck wird in Volkslegenden und in Dichtungen der Romantik als Schicksalsvogel
verehrt, der die Ankunft des Frühlings bestätigt und die Lebenszukunft der Menschen
versinnbildlicht.

Gedicht Um Mitternacht von Eduard Mörike

Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtet’s nicht, sie ist es müd;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Gedicht Zum Neujahr von Eduard Mörike

Mit einem Taschenkalender

An tausend Wünsche, federleicht,
Wird sich kein Gott noch Engel kehren,
Ja, wenn es so viel Flüche wären,
Dem Teufel wären sie zu seicht.
Doch wenn ein Freund in Lieb und Treu
Dem andern den Kalender segnet,
So steht ein guter Geist dabei.
Du denkst an mich, was Liebes dir begegnet,
Ob dir’s auch ohne das beschieden sei.

Gedicht Einer Reisenden von Eduard Mörike

Bald an die Ufer des Sees, der uns von ferne die Herzen
Lockt in jeglichem Jahr, Glückliche! kehrst du zurück.
Tag und Nacht ist er dein, mit Sonn und Mond, mit der Alpen
Glut und dem trauten Verkehr schwebender Schiffe dazu.
Denk ich an ihn, gleich wird mir die Seele so weit wie sein lichter
Spiegel; und bist du dort – ach wie ertrag ich es hier?

Gedicht An den Schlaf von Eduard Mörike

Somne levis! quanquam certissima mortis imago,
Consortem cupio te tamen esse tori.
Alma quies, optata, veni! nam sic sine vita
Vivere, quam suave est, sic sine morte mori! Meibom

Schlaf! süßer Schlaf! obwohl dem Tod wie du nichts gleicht,
Auf diesem Lager doch willkommen heiß ich dich!
Denn ohne Leben so, wie lieblich lebt es sich!
So weit vom Sterben, ach, wie stirbt es sich so leicht!